Das Biergericht – eine Kreation der Plettenberger Schützengesellschaft

Biergericht – ein Gericht mit Bierausschank – Ist so etwas überhaupt möglich? Diese Frage wird sich sicher so mancher stellen, der nicht in Plettenberg beheimatet ist. Was ist ein „Biergericht“ und wie kommt so etwas zustande?

Der Versuch, dieses Phänomen als Eigenart des Plettenberger Schützenwesens zu erklären und seine Ursprünge darzulegen, soll im folgenden Rückblick unternommen werden.

Erstmals aktenkundig und als Teil der Festfolge ist das Biergericht der Plettenberger Schützengesellschaft im Jahre 1907 erwähnt. Erster Vorsitzender dieses Biergerichtes war der Stadtsekretär Albert Hermens. Die Idee jedoch, „Sünder“ während der Schützenfesttage auf humorvolle Art zu „verdonnern“, reicht weiter zurück. Am Schlusse des allgemeinen Festprogrammes versprach im Jahre 1879 der damalige Vorsitzende der Plettenberger Schützengesellschaft Carl Meuser:

„Sodann rufen heißer Kaffee, kühles Bier, perlender Wein, fröhliche Musik, gewählte Toiletten, leuchtende Augen und munteres Geplauder alt und jung zu heiterer Fröhlichkeit, bis der Tanz die Jugend hinüber zu ihrem Elysium trägt, und bis Bacchus und Gambrinus ihre rosige Laune über das vergnügt schmunzelnde Alter ergießen und dasselbe dann seinem Eldorado früherer Tage zujauchzt“. Überschwengliche Worte also im gleichen Festprogramm hieß es aber auch:

“ … Derjenige, welcher sich an den beiden Hauptzügen ohne genügende, bei dem Feldwebel einzureichende Entschuldigung nicht beteiligt, verfällt einer Strafe von 1,? Mark, welche zu Freibier verwandt wird … “

Der Grundstein für die späteren Biergerichte war somit gelegt.

1897 war dann erstmals von einem „Ehrengericht“ die Rede. Im Süderländer Wochenblatt vom 24. Juni 1897 ist zu lesen:

„Einige der Herren Schützen hatten ihr Können beim Morgenkonzert am Montag ein wenig überschätzt und wurden, als sie nachmittags infolge der überstandenen Strapazen zu spät zum Antreten erschienen, dem Ehrengerichte gemeldet. Dienstags morgens, während des Morgenkonzerts trat das Ehrengericht zusammen und verdonnerte der „Oberstaatsanwalt“, Stadtsekretär Albert Hermens, verschiedene der Schützen wegen unvorschriftsmäßigem Anzug, ungebührlichem Benehmen während der Züge zur Zahlung von 10, 20, 30 und 50 Biermarken, mit welchen Urteilen sich die Schützen auch mit einer einzigen Ausnahme zufrieden erklärten“.

Wie man sieht, dehnte sich der Strafkatalog und auch das Strafmaß aus, und beim Biergericht im Jahre 1900 wurde der erste Schütze gar verdonnert, weil – eben nichts an ihm auszusetzen war!

Im Wandel der Zeiten wich also die eigentliche Bestrafung immer mehr dem Gaudi. Kein Wunder also, dass das Biergericht, auch um die Schützenfeste attraktiver zu gestalten, bald zum festen Bestandteil des Festprogramms der Plettenberger Schützengesellschaft wurde. In den folgenden Jahren wechselte die Leitung des Biergerichtes zwischen Albert Hermens und Gerichtssekretär Niest. 1914 stand Herr Bürovorsteher Rückersberg dieser Kommission vor.


Ein »blanko« Urteilsformular aus dem Jahr 1912

In den vermeintlich so goldenen 20er Jahren ist das Biergericht nur in einem einzigen Jahr erwähnt. Das Süderländer Tageblatt schrieb im Juni 1924:

„Gegen 11.30 Uhr wurde das Frühkonzert unterbrochen, weil das Biergericht zur Veröffentlichung der Urteile schritt. Vorsitzender war Herr W. Hermens“.

All die anderen Jahre gab es nur kleine Feste – „den schweren Zeiten angepasst“. Und 1923, als die Oberhausener Schützengesellschaft „Wilhelm Tell“ zu Gast bei den Plettenberger Schützen war, gab es nur ein Königsschießen mit anschließendem gemütlichen Beisammensein, so dass am Tag danach in der Presse zu lesen war:

“ . . . Diese Veranstaltung . . . hatte nichts gemeinsam mit den rauschenden Festen, die wir in der guten alten Zeit innerhalb der Schützengesellschaft zu feiern gewohnt waren … “

1930 wurde dann ein Mann zum Biergerichtspräsidenten gewählt, der 25 Jahre die Geschicke dieser Kommission leiten sollte – Paul (Piepken) Thomee. Dieser Präsident war es schließlich auch, der, nachdem es zwei Jahre kein Schützenfest gegeben hatte, 1933 das erste „Todesurteil“ aussprach. „Opfer“ war Gustav Lämmer, der „das Schützenfest als größten Feiertag“ beging.

„Das Exekutivkommando war bereits aufmarschiert, als SE. Majestät Franz 1. geruhte, den Delinquenten zu lebenslänglichem Saufen zu begnadigen. Das konnte aber das Exekutivkommando nicht hindern, das Urteil doch zu vollziehen, und dafür wurde es von SE. Majestät verurteilt, sich an der Theke selbst zu erschießen – was dann auch geschah“. (Originaltext Süderländer Tageblatt 1933).

1936 wurde Paul Thomée vom Schützen M. Vogel vertreten, da er selbst ein Jahr zuvor die Königswürde errungen hatte.

Nach dem 2. Weltkrieg, als im Jahr 1949 erstmals wieder eine Jahreshauptversammlung der Schützengesellschaft stattfand, wurde Paul Thomée erneut zum Biergerichtspräsidenten gewählt, ihm zur Seite stand Walter Schwarz.


Biergerichtsszene 1951 mit Altmajestät Heinz Ochtendung
als Babysitter

Unvergessen wird das Biergericht des Schützenfestes 1953 bleiben, als „Piepken“ „hoch zu Stier“ in die Schützenhalle einritt! Besonderer Gag dieses Stieres: er wurde mit blanko Urteilsformularen gefüttert und hinten kamen die fertig geschriebenen Urteile heraus! 1955 wurde Paul Thomée von seinem Vizepräsidenten Erich Gembruch für 25jährige Tätigkeit im Dienste des Biergerichtes zum Ehrenbiergerichtspräsident ernannt.


Präsident Paul (Piepken) Thomée bei seinem lengendären
Einritt »hoch zu Ochs« in die Schützenhalle 1953

1960 war dann in der Berichterstattung über das Biergericht im Süderländer Tageblatt zu lesen:

„Ein Krankenwagen der Landesheilanstalt fuhr direkt vor die Bühne. Es entsprang ein ‚armer Irrer‘ – Ernst (Muckeli) Gernbruch, der neue Präsident, angetan mit Schlafanzug und falschem Bart“.


Präsident Ernst (Muckeli) Gembruch beim Einmarsch
in die Schützenhalle

Nachfolger von Ernst Gembruch wurde Wilfried Figge, der 1972 sein Amt an Willi Koch übergab. In all den Jahren hatte das Biergericht der Plettenberger Schützengesellschaft nie seine Anziehungskraft verloren.

Unter dem Motto „Willis letzte Nummer“ ging 1976 ein Biergericht über die Bühne, in dessen Verlauf der heutige Biergerichtspräsident Dr. Peter Wilhelm Baetzel dieses Amt von Willi Koch übernahm. Der ausscheidende Präsident Koch erhielt von der Biergerichtskommission einen Schaukelstuhl, eine Pfeife und Filzpantoffeln überreicht, um für den Ruhestand gerüstet zu sein.

Um in den folgenden Jahren weiterhin attraktiver Programmpunkt des Schützenfestes zu bleiben, kamen zur eigentlichen Verurteilung der Sünder während des Biergerichtes einige vorbereitete und einstudierte Auftritte der Bierschöffen hinzu. 1979 traten Jürgen Knips und Dr. Peter Wilhelm Baetzel als singende Vagabunden auf, um Plettenberger Kommunalpolitik und Vorkommnisse innerhalb der Schützengesellschaft „auf die Schippe“ zu nehmen. Ein Jahr später wurde durch die Verstärkung des Schöffen Gerd Schöne aus dem Duo ein Trio, und seitdem gehören die Auftritte dieser Barden zum festen Bestandteil einer jeden Biergerichtssitzung – mit großem Erfolg.

Die Beliebtheit der Biergerichte bei den Schützen war es wohl, die auch die anderen Schützenvereine in Plettenberg dazu veranlasst hat, bald nach ihrer Gründung solche Gerichtsverhandlungen mit in die Festfolge aufzunehmen – zu Beginn des Jahrhunderts der Schützenverein Eiringhausen, 1924 der Schützenverein Plettenberg-Grünetal und 1927 die Schützen in Landemert und im Oestertal. Auch die Sundheller Schützen feiern heute ihr Biergericht.

Es gibt sie also – die Gerichte mit Bierausschank: in Plettenberg!

Und das seit Urzeiten der erste Teil dieses Doppelwortes – das Bier – eine große Rolle gespielt hat, zeigt sich darin, dass die Gründungsväter der Plettenberger Schützengesellschaft im Jahre 1836 mit den damals in Plettenberg ansässigen vier (!) Brauereien extra einen „Biervertrag“ abschlossen!

Im § 2 dieses Vertrages heißt es: “ . . Das Bier muss nach der hiesigen Stadtbierwaage 6 Grad schwer, völlig geklärt, schmackhaft und so stark gehopft sein, dass es die bisherige Hopfung um die Hälfte, resp. 3/4 übersteigt. .“ Es wurde also als Schützenfestbier von den Bürgern ein stärkeres Gebräu verlangt. Der Preis wurde auf 4 Thaler 15 Groschen für das Ohm festgesetzt.

von Dr. Peter Wilhelm Baetzel (veröffentlicht im Jahrbuch zum 150jährigen Bestehen der Plettenberger Schützengesellschaft)